Arzenei

25.05.06

Einst brachte Rabbi Baruch für seine kranke Tochter Arzneien aus der Kreisstadt mit. Der Diener hatte sie im Fenster der Herberge aufgestellt. Rabbi Baruch ging in der Stube auf und nieder, sah die Fläschchen an und sprach zu sich:"Wenn es G"ttes Wille ist, daß meine Tochter Reisel genese, bedürfe es keiner Arznei. Aber wenn G"tt seine Wundermacht allen Augen offenbarte, hätte kein Mensch mehr die Wahl; denn alle würden wissen. Damit dem Menschen die Wahl verbleibe, kleidet G"tt sein Tun in den Wandel der Natur. So hat er die Heilpflanzen erschaffen."

Dann ging er wieder die Stube ab und fragte: "Aber warum sind es Gifte, die man den Kranken eingibt?" Und antwortete: " Die Funken*, die von der Urschöpfung her in die Hüllschalen gefallen waren und sich in Steine, Gewächse und Tiere wandelten, sie alle steigen durch die Weihe des Frommen, der in Heiligkeit an ihnen arbeitet, in Heiligkeit sich ihrer zu bedient, in Heiligkeit sie verzehrt, zu ihrem Quell empor. Wie sollen aber die Funken erlöst werden, die in bitteren Giften und Giftkräuter fielen? Daß sie nicht verstoßen bleiben, hat G"tt sie den Kranken bestimmt, jedem die Träger der Funken, die der Wurzel seiner Seele zugehören. So ist der Kranke selber ein Arzt, der die Gifte heilt."


* Nach spätkabbalistischer Lehre, die vom Chassidismus ethisch ausgestaltet worden ist, sind in einer Katastrophe der Urschöpfung Funken der g"ttlichen Lichtsubstanz in die unteren Welten gesunken und haben die "Schalen" der Dinge und Wesen gefüllt.