Die ganz kleine Quelle

11.04.06

Ein afrikanisches Märchen erzählt, daß eines Tages eine große Trockenheit über das Land fiel. Zuerst verdorrte das Gras. Es wurde braun und grau. Dann welkten die Büsche und verloren traurig ihre Blätter. Kleinere Bäume starben ab und ragten wie knöcherne Besen in den wolkenlosen Himmel. Der Regen blieb immer noch aus, und das Land wurde zu einer staubigen Einöde. Selbst der Morgen erwachte ohne die Erfrischung des Taus. Tiere verdursteten. Nur wenige hatten die Kraft, aus der tödlichen Wüste zu fliehen. Die Dürre dauerte an. Nun waren auch die alten und starken Bäume, deren Wurzeln tief genug in die Erde hinabreichten, bedroht. Langsam verloren sie ihre Blätter und das schattenspendende Kleid. Brunnen und Flüsse, Quellen und Bäche trockneten aus. Eine einzige Blume war am Leben geblieben, weil eine ganz kleine Quelle immer noch ein paar Tropfen Wasser für sie bereithielt. Doch die kleine Quelle mitten in der Einöde war ganz verzweifelt: «Alles vertrocknet und verdurstet, verdirbt und stirbt. Was hat es noch für einen Sinn, daß ich ein paar Tropfen Wasser aus der Erde hole, um eine einzige Blume zu erhalten?» Ein alter, ehemals kräftiger Baum stand in der Nähe. Er hörte die Klage und sagte zur Quelle: «Niemand erwartet von dir, dass du die ganze Wüste zum Blühen bringst. Deine Aufgabe ist es, einer Blume das Leben zu erhalten. Mehr nicht!»